Klein Zaches – Operation Zinnober (UA)

Uraufführung
nach E. T. A. Hoffmann
Bühnenstück von Péter Kárpáti
Deutsch von Sandra Rétháti

Besetzung: Zaches/Zinnober – Gábor Biedermann // Großfürst/Kleinfürst – Jan Thümer // Minister/Mister – Thomas Frank // Staatssekretärin/Sekretärin – Claudia Sabitzer // Mosch Terpin, Wissenschaftler – Stefan Suske // Candida/Mutter – Evi Kerhstephan // Balthasar – Christoph Rothenbuchner // Fabian/Grenzsoldat – Luka Vlatkovic // Fee Rosabelverde – Anja Herden // Egon – Günter Franzmeier // Kamera: Pablo Leiva

Regie: Viktor Bodó
Bühnenbild: Lörinc Boros
Kostüme: Fruzsina Nagy
Musik: Klaus von Heydenaber
Sound- und Tondesign: Gábor Keresztes
Licht: Tamás Bányai
Dramaturgie: Anna Veress, Heike Müller-Merten

Volkstheater Wien, 2019

Originalbeitrag für das Programmheft:

Ein beispielloser Aufstieg

Eben noch war Klein Zaches eine vom Schicksal vernachlässigte und obendrein missgestaltete Randexistenz. Und plötzlich werden ihm Wundergaben zuteil, die seinen ungeahnten gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen. Drei magische rote Haare veredeln den ganzen Kerl; zumindest lassen sie ihn in jedermanns Auge gefällig und bemerkenswert erscheinen. Wohltäterin ist Fee Rosabelverde, und ihr Tun entspringt keinen uneigennützigen Motiven. Denn nachdem philiströse Kleinstaatsbeamte die totale Aufklärung im Land beschlossen haben und nach umfangreichen Razzien alle Feen und Zauberwesen des Landes verwiesen wurden, sinnt die gekränkte Rosabelverde auf Rache und startet die „Operation Zinnober“. Was wäre, wenn der Zwerg zwanzig Jahre später die Verhältnisse im Staat aufmischt?
Und genau das tut er. Zinnober macht eine steile politische Karriere, steigt vom Jurastudenten zum Staatssekretär, dann zum Innenminister auf. Ohne Skrupel annektiert er fremde Leistungen und gibt sie als seine aus. Sein Erfolgsrezept ist die reine Behauptung, der Fake, nicht die Tat. Er kultiviert seine Pose als brachialer Machtmensch und vereinnahmt sein Umfeld. Die korrupte und durch pervertierte Fortschrittsideologie deformierte Regierung braucht eine Gallionsfigur von exakt dieser Couleur – bis diese selbst von Zinnober demontiert wird. Nur bei dem verliebten Poeten und Studiosus Balthasar, dessen Geliebte Candida der Zwerg ihm ausgespannt hat, verfehlt der Schwindel seine Wirkung.
Bevor Zinnober diesen Gegenspieler per Denunziation und Haftbefehl ausschalten kann, tritt ein Zauberer auf den Plan. Er nimmt sich des Bedrängten an und greift entschieden ein – zumal er mit Fee Rosabelverde noch eine ganz andere Rechnung offen hat …
Das 1818 entstandene Märchen Klein Zaches genannt Zinnober, von dem sein Autor E. T. A. Hoffmann behauptet, es sei „nichts weiter, als die lose lockere Ausführung einer scherzhaften Idee“, entstand unter der Zensur der reaktionären Restaurationszeit, die nach den Karlsbader Beschlüssen 1819 in einer Epoche politischer Verfolgung kulminierte. Die Unterdrückung der wissenschaftlichen und literarischen Intelligenz war Alltag geworden in einer geist- und kunstfeindlichen Wirklichkeit. Der als „Gespenster-Hoffmann“ betitelte Autor platzierte gesellschafts- und systemkritische Elemente in die unverfängliche Welt des Phantastischen und Wunderbaren. Außerdem bediente er sich einer Rahmenhandlung, die ihn nur als Herausgeber von Überlieferungen aus obskuren Quellen auswies, so dass er für subversive Inhalte nicht zur Verantwortung gezogen werden konnte.
Der ungarische Regisseur Viktor Bodó und der Autor Peter Kárpáti nehmen im Jahr 2017 E. T. A. Hoffmanns romantisches Kunstmärchen zur Spielvorlage. Erfasste Hoffmann das Zerrbild einer überkommenen, auf schnödes Nutzdenken gerichteten Gesellschaft, die die Machtvollkommenheit des Hofes auf der einen und das untertänige Duckmäusertum auf der anderen Seite befestigt, eröffnet das Phänomen Zaches in der aktuellen Überschreibung neue assoziative Gedankenräume. Die grotesken Auswüchse autoritärer Strukturen, in der einfache Wahrheiten zur Staatsdoktrin erhoben werden, finden ihren Ausdruck. Wer im Besitz der Macht ist, verfügt über die Wahrheit. In einer bis zur Perversion aufgeklärten Welt, die schlussendlich den Glauben gegen die Vernunft in Stellung bringt, kann sich ein geistiger Zwerg und politischer Schaumschläger ungehindert und von vielen sogar euphorisch beklatscht an die Regierungsspitze pflanzen. Im Stück bleiben denjenigen, die dem Wahn nicht erliegen, nur Ohnmacht und innere Emigration.
Das alte Hoffmannsche Märchen entwickelt seinen unheimlichen Sog, indem es die gesicherten Erscheinungsbilder einer klar konturierten Realität verwebt mit scheinbar irrationalen Sequenzen. Die Einbrüche aus einer zeit- und raumlosen Mythenwelt treffen auf Menschen, die den Ereignissen ausgeliefert sind.
Sah der Literaturwissenschaftler Hans Mayer im Gegeneinander der beiden Welten, der realen und der mythischen, den „Ausdruck ungelöster deutscher Gesellschaftsverhältnisse“, darf man aus gegebenem Anlass den Deutungsrahmen globaler fassen.

© Heike Müller-Merten